Das Wahrnehmungsphasenmodell - twonoelles

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Film/TV
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Film - Fernsehtheorie:
Als ich mich in einer filmtheoretischen Abhandlung mit der Gestaltung von Film- und TV-Beiträgen für Kinder und Jugendliche beschäftigte, fiel mir die verblüffende Ähnlichkeit auf, mit der auch Fernsehbeiträge für Erwachsene gestaltet werden. Da Kinder Film und TV anders wahrnehmen als Erwachsene, ist es zuerst verwunderlich, dass Medienmacher unter Zuhilfenahme einer sehr einfachen Bildersprache mit ihrem Publikum kommunizieren. Andererseits zeigen die Einschaltquoten, dass dies das Publikum trotz, oder gerade wegen solcher "Ansprache" gewisse Fernsehsendungen quittiert und ihnen nicht die Zuwendung entzieht. Warum das funktioniert und wie die Kommunikation (wahrscheinlich) abläuft, habe ich im Wahrnehmungsphasen-Modell zu erklären versucht.
Das Wahrnehmungsphasen-Modell
am Modell der Sendung "Vorarlberg heute" des Regionalfersehsenders Radio Vorarlberg in Österreich
von Willi Noelle, Kameramann für den ORF (bis 2005)

"So ist die Zuwendung weder durch schlechte Bildqualität noch durch eine nachlässige Bildgestaltung wesentlich zu beeinträchtigen..." - Jugend und Fernsehen (Untersuchungen und Überlegungen zur Jugendeignung von Fernsehprogrammen) / Karl Riedel. -  Luchterhand : Berlin, 1966, S. 50.
Das Wahrnehmungsphasen-Modell entstand aus einer Arbeit, die ich von über dreißig Jahren geschrieben habe. Die wenigen Buchzitate sind aus dieser Zeit. Jedoch habe ich mich bemüht, nur Zitate in diese Arbeit einfließen zu lassen, die auch heute für mich noch Gültigkeit haben. Was dieses Zitat von Karl Riedel anlangt, werden vielleicht einige Kollegen, die eben eine neue Kamera gekauft haben, denken: "Dann hätte es der alte "Ofen" auch getan." Hand aufs Herz: Mit einem Federkiel lässt sich auch ein Roman schreiben. Aber wollen Sie das wirklich probieren? Was das Argument der nachlässigen Bildgestaltung anlangt, so sind es gerade die Kameraleute, die sich in der Bildgestaltung von den Amateuren abheben, und das wird hoffentlich auch in Zukunft so bleiben. 
Mein Modell beruht auf der Entwicklung des Sehens und nimmt damit Rücksicht auf längst überwunden geglaubte Entwicklungsphasen. Das Modell stützt sich auf eine Arbeit, die sich mit den Entwicklungsphasen des Kleinkindes bis hin zum Jugendlichen und der damit verbundenen Gestaltung von Film- und Fernsehbeiträgen beschäftigt. Der Vorteil gegenüber anderer Modelle liegt darin, dass hier aus der Sicht des Kameramanns untersucht wurde, damit ein: "wahrscheinlich funktioniert das so, zumindestens gibt uns die Praxis bis jetzt Recht" zugelassen ist.
Phase 1 - Die begriffliche Montage

Mindestens die Hälfte unserer Nachrichtensendungen besteht aus "begrifflichen Montagen". Sie erlauben den Transport von Text ohne Reduktion durch das Bild. Von den Amerikanern wird diese, lose Aneinanderreihung von einem Begriff zuzuordnenden Bildern, als "Wall-Paper" bezeichnet. Diese Art, Beiträge zu gestalten birgt auch so manche Probleme und Tücken, abgesehen davon, dass die "Ton-Bild-Schere" so wenig wie möglich auseinander klafft (ein Modell aus den siebziger Jahren, das möglicherweise überaltert ist). Filme, TV-Beiträge, die sich kritisch mit Vorurteilen auseinander setzen, können oft die gegenteilige Wirkung im Zuseher hinterlassen. Wie ist das möglich, wo solche Beiträge durch besonders objektive Berichterstattung hervortreten?
Dieser Effekt beruht auf der Übereinkunft kurzzeitig auf der (angenommene) Ebene des Vis a Vis zu kommunizieren. Der Erwachsene wird beim Signal: "jetzt kommt ein Film für das Verständnis einer bestimmten Altersgruppe", auf die bekannte, längst überwundene Entwicklungsphase "zurückschalten" und, solange der Beitrag / Film läuft bzw. die Zuwendung erhalten bleibt, auch mit den für diese Altersstufe spezifischen Verhaltensweisen agieren. Sicherlich wird die Bildfolge vorerst die Zuwendung erhalten. Da die "begriffliche Montage" aber eher als die "langweiligste", weil die Phantasie des Zusehers am wenigsten fordernde Art, Bilder anzusehen, ist, habe ich einen Verdacht:
Ein auf diese Entwicklungsphase zurück geschalteter Erwachsener, hier wird das „Egozentisches Denken“ des Vierjährigen angesprochen, wird diesen Zustand solange wie möglich beibehalten, wer will schließlich nicht wieder Mittelpunkt der Welt sein?
Dass es in diesem Zustand zu keiner Sozialisation kommen kann, auch wenn der gerade laufenden Film noch so dringlich dazu auffordert, ist einer der Effekte, die diese Gestaltungsart in sich birgt. Eine andere Nebenwirkung kommt aus der "begrifflichen Montage" selbst. Sie ist langweilig und alles, was unsere Kreativität lähmt, stärkt das Aggressionspotential und die Bereitschaft zur Gewalt in uns.
Phase 2 - Die qualitative Montage

Eine Story erzählen heißt, um überschaubar zu bleiben, den Inhalt auf wenige Prämissen zu beschränken. Um die Story zu komprimieren, ist es erforderlich, eine "Qualität" einzuführen. Ein Begriff wird nicht mehr nur durch die Menge zusammenhängender Bilder sondern durch den Kontext dieser Bilder zueinander, die eine Aussage ergeben, definiert. Es genügt, einen TV-Beitrag/Film mit einer "qualitativen" Aussage einzuleiten, um die "Wenn-Dann" Phase des 7 bis 8 Jährigen im Zuseher anzusprechen. Diese Ebene nenne ich die "Märchenebene". Nicht dass die Storyies, die im Fernsehen laufen, Märchen sind. Hier wird nur die Form des "Märchens" bewusst übernommen. Damit entsteht eine Prädisposition, Aussagen werden automatisch unter einen anderen Blickwinkel gesehen. Negative Effekte wie bei der "quantitativen" Montage werden damit größtenteils vermieden.
Nachrichten sind keine Märchen, darüber sind wir uns einig, warum ist aber zum Beispiel die abendliche Nachrichtensendung eines Lokalsenders nach dem Märchen - Schema aufgebaut?
Vergleichen wir: "Ein Märchen spielt im "irrealen" Raum." Das trifft auch für die Nachrichtensendung zu, oder würden Sie sich Ihr Wohnzimmer im Stil des Nachrichtenstudios einrichten? "Die handelnden Personen sind Symbolfiguren." Wenn die Moderatorin/Moderator normal agierende Personen wären, würden sie nicht ständig lächeln, vielleicht einmal gähnen oder sich die Nase putzen. "Alles ist möglich." Das trifft gerade für eine so bunt gestaltete Regionalsendung zu. "Es gibt keine subjektive Sicht, die Person(en) der Zuwendung ist /sind immer mitten im Geschehen, zumindest in unmittelbarer Nähe erahnbar." Nach jedem Beitrag treffen wir die Moderatorin, den Moderator wieder. "Der Handlungsablauf der Märchens läuft im Kreis. An einem bekannten Punkt beginnend geht es hinaus in die weite Welt, um schließlich wieder am Ausgangspunkt zu landen." Auch die Sendung beginnt und endet im Nachrichtenstudio. "Die weite Welt ist nicht allzu unbekannt und nicht allzu weit vom Ausgangspunkt entfernt, man geht in den nahen Wald oder höchstens über 7 Berge, um am Ort der Handlung zu sein." Versuchen Sie das mit dem "7 Bergen" in Vorarlberg, wo ich bis 2005 „drehend“ unterwegs war, Sie landen mit Bestimmtheit im "Ausland". "Dabei werden diese Wegstrecken stets nur angedeutet. Das Wetter im Märchen ist immer schön, Naturereignisse (Gewitter), Naturelemente (Feuer) und Dunkelheit (Nacht) stehen für dramatische Ereignisse oder werden sofort als deren Vorboten gedeutet." Ist Ihnen schon aufgefallen, dass der größte Teil unserer Beiträge bei Tag oder in hell erleuchteten Räumen spielt? Selbst Ereignisse, die in der Nacht passieren, werden aus produktionstechnischen Gründen am nächsten Tag bei Sonnenschein gedreht. Sollten wir Aufnahmen von nächtlichen Verkehrsunfällen sehen, so wirken diese besonders dramatisch, auch wenn nicht so viel passiert ist. "Das Ende des Märchens ist im Voraus erahnbar." Unsere Sendung geht immer gut aus (mit dem Wetter), und wenn wir Glück haben, zeigt man uns am Schluss schöne Landschaften oder liebe Tierleins (Beispiel "Vorarlberg heute", ORF 19 Uhr).
In einer Nachrichtensendung haben wir zu wenig Zeit, die Ereignisse in allen ihren Nuancen darzustellen, dabei kommt uns die Wahrnehmungsphase des Achtjährigen mit seinem "Wenn-Dann-Denken" entgegen, die wir in unserem Publikum mit der gewählten filmischen Form ansprechen. Wir erreichen, dass in unseren Zusehern nicht schon während der Beitrag läuft, ein anderer, "innerer" Film abzulaufen beginnt und die Zuwendung stört.

Phase 3 - Die assoziative Montage

Wir drehen den Fernseher auf und sehen jemand, der uns erzählt, dass z.B. die Außenminister unter Ausschluss der Öffentlichkeit in dem Gebäude hinter ihm tagen. Wir werden zuerst die schief sitzende Krawatte oder, wenn die betreffende Person keine Krawatten trägt, andere Details begutachten, vielleicht feststellen, dass vor Ort ein anderes Wetter als bei uns herrscht, danach aber wahrscheinlich auf einen anderen Sender weiterschalten. Wir wurden, ohne das wir es bemerkten, mit der "Abenteuerform" konfrontiert.
Sehen wir uns diese Person, die vor dem Gebäude steht, in dem die Außenminister tagen, genauer an. Moderator (im Sinne der Phase 2) ist sie nicht. Erstens ist die Welt da draußen meist wirklich "die weite Welt" und zweitens benimmt sich dieser Mensch zumal recht natürlich. Es friert, wird nass, schwitzt oder ist nervös. Experte ist es auch keiner, der wird meist von einem Reporter interviewt, redet kaum selbst in die Kamera. Wer ist also dieser Mensch mit der schief sitzenden Krawatte? - Für die Einen ist es eine Art Museumsführer, der uns z.B. sehr packend die Abenteuer der modernen Kunst vermittelt, für die Anderen ist es eine Art Abenteurer(in), eine Person, mit der wir uns auf ein Abenteuer einlassen werden. Und Abenteuer ist es immer, das hier vermittelt wird. Ob es sich um das Abenteuer Politik, Kultur, Sport oder um die freitägliche Wetterschau, dem letzten Beitrag in unsrer Nachrichtensendung, bevor man uns ins Wochenende entlässt, handelt. Wir werden fasziniert, begeistert, mitgerissen oder beeindruckt, vorrausgesetzt die Gesetzmäßigkeiten der "Abenteuerform" werden beachtet. Ansonsten endet unsere Zuwendung bei der Krawatte oder der schwankenden Kameraführung.
Die einfachste Form, ein Abenteuer erlebbar zu machen, ist es zu erzählen. Eine Form, die selbst dort gewählt wird, wo sie scheinbar am wenigsten hingehört - ins Fernsehen. Damit dies in diesem Medium überhaupt funktioniert, braucht es Dynamik:
Das bewegte Bild an sich, die wechselnden Einstellungsgrößen, das Variieren der Szenenlängen bringen von sich aus Dynamik ins Bild. War dies zumindestens in der "Wallpaper-Form" und "Märchen-Form" ausreichend, so "lebt" die "Abenteuer-Form" von der Dynamik. Hier spielt nicht nur die Geschwindigkeit, in der sich Bildpunkte in einer bestimmten Zeiteinheit ändern, eine Rolle. Je simpler die Form, je weniger Inhalt, desto eher wird die Dynamik die Zuwendung des Publikums erhalten müssen. Außer der Dynamik hat die Abenteuerform zwei weitere Bausteine: den Überraschungsmoment und die Möglichkeit, nach Schluss die Story "weiterdenken" zu können. Diese Form ist also erstmals eine Kommunikationsebene, in der ein innerer Film, ein inneres Abenteuer im Zuseher, wenn auch erst am Schluss, erwünscht ist.

Phase 4 - Die kognitive Montage

"Houston, Houston, wir haben ein Problem". Dieser Satz stammt aus dem Film Apollo 13, einem Film, der aus einer Mischung von Abenteuer- und Märchen-Form  besteht (wir wissen dass die Mission gut ausgegangen ist). Wir sind freiwillig in den Film gegangen, hatten eine Prädisposition, was den Inhalt anbelangt und hätten höchstens entteuschd werden können, wenn die erwartete Spannung ausgeblieben wäre.
Im Fernsehen ist dies ganz anders. Wir werden unerwartet, auf verschiedenen Kommunikationsebenen, mit unbekannten Inhalten, dargestellt in filmischen Formen, die vielleicht nicht unseren Sehgewohnheiten entsprechen, konfrontiert. Von freiwillig hineingehen kann hier nicht die Rede sein. Wen interessieren also überhaupt Probleme im Fernsehen?. In erster Linie sind es die Männer, die sich selbst nach einen anstrengenden Tag auf Probleme einlassen, so behaupten es zumindestens Allan u. Barbara Pease.
Die Autoren sagen uns nichts darüber, in welcher Form das Problem "an den Mann" kam. Unsere Nachrichten sind, bei genauerer Betrachtung voll von Problemen. Diese werden meist verbal geäußert, das heißt, nicht in die Bildebene gelegt und damit nicht erlebbar gemacht. Wenn dies dennoch einmal passieren sollte, handelt es sich interessanterweise meist um Beiträge, die weibliche Zuseher ansprechen sollen. Warum dies so ist, konnte mir noch niemand erklären.
Die "Problem-Form" ist also eine in den Nachrichtensendungen äußerst seltene Form. Sie arbeitet mit Symbolbildern. Diese sollen einerseits unser Interesse erhalten andererseits, tief in uns sitzende Bereiche stimulieren und Auslöser eines inneren Films sein. Wird der Zuseher auf dieser Kommunikationsebene, die der Adoleszenz des 17. Jährigen angesprochen, kommt es auch zu den Abwehrreaktionen dieser Entwicklungsphase. Widersprüchliche, ins eigene Konzept nicht passenden Aussagen und Gestaltungsformen werden als "kognitive Dissonanz" erlebt. Gerade wenn der Autor eines Beitrages besonders von dem aufgezeigten Problem betroffen ist, kann es dazu kommen, dass der Zuseher am Ende des Beitrages mit der Lösung des Problems alleine gelassen wird. Solch ein Vorgehen führt nicht selten zum "Problem der Bewahrung von Fassung". Auch auf inhaltlicher Ebene kann dies passieren, wenn ethische, religiöse aber auch innere Werte verletzt werden, (z.B. ist der Begriff Weihnacht bei den meisten Leuten positiv besetzt, wenn nun Weihnacht mit dem Müllproblem in Verbindung gebracht wird, lassen sich viele Leute ihre Weihnacht nicht "vermüllen").
Die "Kontrastauslebung" ist der Grund, dass gewisse Bilder z.B. von Gewalt gegen Frauen nicht oder nur entfremdet im Fernsehen gezeigt werden. Bei Inhalten, die der inneren Einstellung des Zusehers extrem zuwiderlaufen, kann es ebenfalls beim Auftreten von Reizwörtern oder "weißen Hähnen"( S. Kracauer: Theorie des Films : die Errettung der äußeren Wirklichkeit. - Suhrkamp: Frankfurt/M., 1964, S. 86) zur Kontrastauslebung kommen. Dies wird in erster Linie dann sein, wenn das Symbol nicht verstanden oder der Beitrag extrem langweilig ist.
Die "Störung von Höher-Entwicklungen" kommt vor, wenn vermehrt englische Ausdrücke angewandt werden, die nicht einmal von der Hälfte aller Zuseher verstanden wird (Spiegel Nr.38 v.15.9.03, Wirtschaft "Die Sense stimuliert"). In der Bildsprache sieht das etwas anders aus. Die Fernsehbeiträge der Nachrichten sind in der Regel zu kurz, um eine "Störung von Höher-Entwicklungen" durch Überzeichnung eines heilen Milieus zu provozieren, Sollten jedoch an einem Symbol mehrere Probleme hängen, kann es auch hier zu Störungen kommen.
Manchmal liegt die Erwartungshaltung an Beiträge höher als diese sie erfüllen können. Im täglichen Umgang mit dem Fernsehen sind es die Zuseher gewöhnt, zwischen für sie interessanten und uninteressanten Filmen wählen zu können. Sollte jedoch in einem interessanten Beitrag nur ein Aspekt eines Problems angeschnitten werden, die Erwartungshaltung ein breites Spektrum an Information versprechen, kann es zur "beschränkten Klarheit" kommen. Der Zuseher wird plötzlich zum Experten, der mehr darüber oder es besser weiß. Selbst wenn in diesem TV-Beitrag dennoch Neues, Interessantes geboten wird, hat der Zuseher bereits abgeschaltet, auch wenn nicht der Aus-Knopf gedrückt wurde. Der Zuseher bekommt nichts mehr mit. Um diese Art der kognitiven Dissonanz zu verhindern, ist es notwendig, von vornherein klarzumachen, in welchen Rahmen sich die Information bewegen wird.
Es wird also nicht leicht sein, einen TV-Beitrag zu produzieren, mit dem die Zuseher ohne Störung durch kognitive Dissonanz kommunizieren können. Aber wahrscheinlich wird es genügen, einige der bisher erwähnten Kriterien einzuhalten, um in der "Bewährung von Bewältigungskriterien" die Kommunikation in der Problem-Form zu ermöglichen.


Willi Noelle, Procida und Höchst - Sommer/Herbst 2003 (überarbeitet)
Mehr über das Wahrnehmungsphasen-Modell unter:
 
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