Auf Wiedersehen in Timbuktu - twonoelles

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Brigitte Noelle Auf Wiedersehen in Timbuktu

Der Roman beschreibt die letzten Monate Mr. Bones’ Leben.
Nach dem Tod seines besten Freundes Willy G. Christmas streift er verloren durch die Stadt, in der Hoffnung auf neue Freunde und Beschützer, ist auf der Flucht, findet schließlich eine Familie, die ihn aufnimmt. Doch auch dieses Leben ist nicht ohne Nachteile – getrennt von seinen neuen Freunden muss er in einer Hütte im Garten hausen und ist dem Ordnungswahn des Familienvaters ausgeliefert. Als er schließlich, als seine neuen Freunde ohne ihn auf Urlaub fahren, in ein Heim eingeliefert wird, bricht eine Krankheit bei ihm aus. Mit letzter Kraft entkommt er auf dem Weg zum Arzt und stirbt, nachdem ihm Willy im Traum ein Wiedersehen in Timbuktu, ihrem privaten Kürzel für das Jenseits, versprochen hat, auf einem Highway: „Mit ein bißchen Glück würde er bei Willy sein, noch bevor der Tag zu Ende war.“

Ein trauriges Ende, eine neue, tragische Version von Oliver Twist? Nicht ganz, denn Mr. Bones ist - ein Hund. Allerdings kein normaler, sondern ein besonder intelligenter, melancholischer und nachdenklicher. Er versteht, was die Menschen reden, doch leider kann er selbst sich ihnen nicht verständlich machen. Das Verhältnis zu Willy ist das zwischen Freunden und nicht zwischen Hund und Herrchen; abgesehen von der Sprachbarriere herrscht Gleichberechtigung.
Dieser Willy, der elendiglich in einem Armenhospital in Baltimore, Maryland, sein Leben aushustet, ist ein gescheiterter Dichter, ein Vielredner und Philosoph, der in seiner Jugend wegen des übermäßig genossenen Drogencoctails ein wenig aus der Reihe geraten ist und anch dem Tod seiner Mutter endgültig auf der Straße gelandet ist, zusammen mit Mr. Bones, der ihn schon seit seinen frühen Welpentagen begleitet hat. Das Vagabundenleben mit zuviel an Alkohol und Zigaretten hat ihm dann den Rest gegeben.
Das sind die Voraussetzungen von Paul Austers Roman „Timbuktu. Die Perspektive aus der Sicht eines Hundes mag ungewöhnlich sein, doch wenn man je mit Hunden, besonders mit so intelligenten wie Mr. Bones, zu tun gehabt hat, ist sie durchaus schlüssig und geht tief unter die Haut. Paul Auster macht das Entsetzen über den Tod Willys, die Verzweiflung und Verlassenheit des Protagonisten ebenso nachvollziehbar wie die Sehnsucht, ihm wieder zu begegnen, und das kann nur in Timbuktu geschehen, von dem Willy so oft gesprochen hat. Doch auch ein kluger Hund wie Mr. Bones versteht nicht alles. Hier greift der Erzähler ein und führt dem Leser vor, was die Menschen ihren tierischen Gefährten alles in bester Absicht antun.

Das Buch ist grob in drei Teile gegliedert. Der erste schildert die letzten Stunden, die Mr. Bones mit Willy verbringt, der selbst in seinen letzten Zügen noch unaufhörlich und assoziativ seine Gedanken zum besten gibt. Während einer kleinen Pause hat Mr. Bones dann eine Vision der nächsten Stunden und dem Ende seines Freundes und kann, dadurch vorgewarnt, dem Tierheim und der darin wartenden Giftspritze entgehen.
Der mittlere Teil beschreibt das Herumirren des einsamen Hundes, seinen Versuchen, einen Ersatz für Willy zu finden. Dieser erscheint ihm gelegentlich im Traum und versucht ihm, ganz der alte, Mut und Vertrauen zuzusprechen.
Der letzte Teil führt uns und Mr. Bones aufs Land, zu einer Familie des gehobenen Mittelstandes. Dort wird er Spielzeug für die Kinder, Vertrauter für die Mutter und Accessoire für den Vater. Besonders der Vater ist ein Problem: als Pilot ist er zwar nur selten zu Hause und hatte schließlich erlaubt, Mr. Bones aufzunehmen, doch verbot er strikt, ihn ins Haus zu lassen und terrorisiert ihn wöchentlich mit einem lärmenden Schlachtschiff von Rasenmäher. Das Gemeinste jedoch hat Mr. Bones wenigstens nicht begriffen: er ließ ihn auch kastrieren. Begründung: „Es ist ja nur ein Hund“ Die Angst vor dem Tierarzt saß jedenfalls tief, und als Mr. Bones aus dem Tierheim flüchtete, war es vor allem deswegen. Schwerkrank und verlassen im Wald, träumt er schließlich das letzte Mal von Willy: „’...Und wenn die Zeit gekommen ist, brauchst du dir keine Sorgen zu machen.’ – ‚Welche Zeit, Willy? Wovon redest du überhaupt?’ – ‚Deine Zeit, nach Timbuktu zu gehen.’ – ‚Soll das heißen, daß Hunde dort zugelassen sind?’ – ‚Nicht alle. Nur manche. Jeder Fall wird einzeln behandelt.’ – Und ich darf rein?’ – ‚Du darfst rein.’ ...“ Und das schönste ist, dass Mr. Bones dort auch mit Willy sprechen können wird. Mit letzter Kraft erreicht der Hund den Highway, wo er mit dem letzten Aufbäumen seiner Lebenskraft das alte Spiel „Den Autos ausweichen“ spielt, bis zum Ende.

Der Roman kam bei der Literaturkritik nicht allzu gut weg. Angekreidet wurde die Länge des ersten Teils, der in erster Linie aus der Geschichte Willys und seinen sprachlichen Ergüssen besteht, den mutmaßlichen Klischees der Handlung und der Langweiligkeit. Ich persönlich teile diese Einschätzung jedoch nicht.


Paul Auster, Verfasser von (Kriminal-) Romanen und Erzählungen, thematisiert in seinen Werken häufig die Fragwürdigkeit der Identität und den Einbruch des Unerklärlichen in den Alltag und ähnelt dabei dem fast gleichaltrigen Japaner Haruki Murakami. Der Roman „Timbuktu“ entstand im Zuge der Arbeit an einem anderen Werk, als er merkte, dass das Thema begann, sich selbständig zu machen. Anlass war weiters angeblich der Tod seinen Hundes. Dies passiert öfter als umgekehrt, dass nämlich einen Hund sein Mensch verlässt. Doch eben dies beschreibt Paul Auster, ohne jemals auf die sentimentale Schiene zu gelangen und eben dadurch beeindruckend, und setzt damit seinem und allen anderen einzigartigen tierischen Freunden ein ergreifendes Denkmal.

Dr. Brigitte Noelle

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