Ausstellung Nie wieder Krieg - twonoelles

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Historie
DIE WANDERAUSSTELLUNG NIE WIEDER KRIEG
28. Juli 1924. Die Arbeiter-Zeitung berichtet von einer gigantischen Demonstration gegen Krieg und Gewalt, die unter dem Titel NIE WIEDER KRIEG stattfand. 10 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges gingen die Leute in Wien, Mödling, Baden, Schwechat, Wiener Neustadt und Neunkirchen, in Bruck an der Leitha, im Triestingtal, aber auch in Graz, ja sogar in Innsbruck für den Frieden auf die Straße. Später werden Historiker von einem starken Willen zum Frieden unter der Bevölkerung sprechen, der trotz widriger Tendenzen und so kurz nach Ende des GROSSEN KRIEGES zu dieser Großveranstaltung geführt hat.
Demo 1924 Wien
In den darauf folgenden Monaten entsteht in einem Hort im 3. Wiener Gemeindebezirk die Idee, eine Wanderausstellung mit dem Titel NIE WIEDER KRIEG zu starten. Sie soll die Gräueltaten des Ersten Weltkriegs in Erinnerung rufen. Absolventen der Schönbrunner Erzieherschule (1919 bis 1924), die sich in der Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Erzieher (AGsE) zusammengeschlossen haben, unterstützen diese Idee. 

Am 13. Dez. 1924 kommt es zur ersten Austellung. Die konservative Reichspost schreibt an diesem Tag (Ich zitiere stark gekürzt aus dem Artikel):
Ausstellung 1924/25 Tische
Ausstellung 1924/25 Wandtafel
Grobe Taktlosigkeit bei einer Weihnachtsausstellung:
In der Räumen des Wiener Frauenklubs, Tuchlauben 1, findet gegenwärtig eine Bücher- und Spielzeugausstellung statt... [Dann folgt eine Aufzählung der gezeigten Sachen] ... Umso bedauerlicher wirkt es, dass ein Teil dieser Ausstellung ausgesprochen agitatorischen Zwecken dient. Es wurde nämlich von den Veranstaltern eine Nische den „Kinderfreunden“ eingeräumt. ... [Dann zählt der Artikel die gezeigten Objekte auf] ...eine Wandtafel, worauf ein Soldat mit gezücktem Messer auf den Gegner losgeht, und die weit sichtbare Inschrift: „WOLLT IHR NOCH LANGE MÖRDER SPIELEN?“ Woraus hervorgeht, dass die Kinderfreunde die Verteidigung des Vaterlandes als ein Spiel und Vaterlandsverteidiger als Mörder betrachten ...[Und wenig später in diesem Artikel] ...am widrigsten präsentiert sich diese sogenannte pazifistische Tendenz an dem Mitteltisch, den eine riesige Inschrift als SCHUNDECKE bezeichnet. Hier sieht man Bilder des unglücklichen Kaiser Karl und seiner Gemahlin...
Ausstellung 1924/25 Banner
1925/26. Die Wanderausstellung NIE WIEDER KRIEG wird mehrere Monate hindurch in Wien gezeigt. Sie läuft in Arbeiterheimen, Kinderfreundebaracken, Schulen und Fortbildungsstätten.  Über der Ausstellung ist auf einen riesigen Spruchband der Satz „DIE EINZIGE ERLÖSUNG IST DER SOZIALISMUS“ zu lesen. Leider hat die Geschichte bewiesen, dass diese Illusion von Frieden und Gewaltlosigkeit nicht einmal zehn Jahre gehalten hat.
Leider sind nur diese Fotos von dieser Ausstellung erhalten geblieben. Wir wissen nicht, wie lange sie gezeigt wurde. Groß dürfte die Ausstellung NIE WIEDER KRIEG nicht gewesen sein. Die wenigen schriftlichen Überlieferungen von Fritz Kolb, Werner Kotlan, Heinz Weiss und Willi Zvacek (meist nur eine halbe Seite) lassen den Schluss zu, dass es höchstens vier bis fünf Tische waren.

Juni 2013. Es wurde für mich spannend, sehr spannend sogar: In einem Archiv in Wien tauchte eine kleine gelbe Fotoschachtel auf. Sie war im hintersten Winkel eines Regals versteckt. Diese Schachtel enthielt 82 Negativfotoplatten. Auf dem Deckel stand mit der Handschrift von Willi Zvacek in Großbuchstaben NIE WIEDER KRIEG. Es waren nicht die verschollenen Fotos der ersten Wanderausstellung 1924. Doch was die Recherchen ergaben, war nicht weniger interessant:
Willi Zvacek gehörte der Arbeitsgemeinschaft der Wiener „Kuckuck“-Reporter an. Dieses sozialistische Journal erschien das erste Mal 1929 und wurde 1934 eingestellt. Da die Zeichen der Zeit auf kriegerische Auseinandersetzungen hinwiesen, wollte er mit anderen zusammen die Wanderausstellung NIE WIEDER KRIEG erneut starten. Zu diesem Zweck durchstöberte er das Fotoarchiv des Kuckucks. Er kopierte in der Redaktion 82 Fotos aus dem Ersten Weltkrieg. Leider kam es nie zu dieser zweiten Wanderausstellung. Autoritäre Regierungen kündigten sich an. Aus Angst vor den kommenden Regimen versteckte er schließlich diese gesammelten Fotos, die erst acht Jahre nach seinem Tod im Jahr 2013 gefunden wurden. Es sollte sich herausstellen, dass er damit diese Aufnahmen vor dem endgültigen Verschwinden gerettet hatte. In wenigen Archiven wurden bis jetzt je ein bis vier Fotos dieses Materials gefunden. Die Gesamtheit der 82 Fotos hätte nie wieder zusammen gezeigt werden können. 
Aufnahme 1933
Juni 2014. Obwohl er mir zu Lebzeiten nie ein Sterbeswörtchen über diese Zeit und seine damalige Tätigkeiten erzählt hatte, beschloss ich zum Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, ihm diese Wanderausstellung doch noch postum zu ermöglichen. Immerhin, er war mein Vater.

Willi Noelle

 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü