Leseprobe aus dem Buch DIE GEBORGTE WIRKLICHKEIT - twonoelles

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Prosa/Lyrik > Leseproben
Symbol
Sushi für den Laptop
Leseprobe aus dem Buch DIE GEBORGTE WIRKLICHKEIT





Sie war fast lautlos eingetreten, Slobodan bemerkte sie erst, als sie ihren Laptop auf das Verkaufspult stellte. Er sah von seiner Arbeit auf, sah, dass da ein Rasseweib im Verkaufsraum stand, dass er schleunigst aufzustehen hatte, damit dieses Prachtexemplar von Frau nicht wieder hinaus entschwebte. Während er sich bemühte, möglichst kompetent und versiert dreinzusehen, musterte er dieses fremde Wesen. Was er zunächst entdeckte, waren ihre sehr geschmackvollen und sicher noch teureren Ohrclips. Eigentlich war er irgendwie von ihren Ohren angetan, aber da war auch dieses perfekte Make-up, das so dezent und dennoch wirkungsvoll aufgetragen war. Ihre gewölbten Lippen, von einer dunkleren, scharf umrissenen Kontur nachgezeichnet, und Slobodan bemerkte nun die fast unsichbaren Silberpünktchen auf ihrem blauen Lidschatten. Gleich nachdem er das schwarze Nadelstreifkostüm gewürdigt hatte, wurde er der verräterischen Rundungen gewahr, Rundungen, die diese elegante Gestalt noch um eine Nuance pfeffriger erscheinen ließ. Slobi beugte sich tief über ihren Computer, der gerade eine Fehlermeldung von sich gab, beugte sich so tief über den Laptop, dass sein Kopf in der Höhe der Rundungen die weiße Satinbluse beschnupperte. Wie diese Erscheinung aus einer anderen Welt roch! Phantastisch erfolgreich und zugleich weiblich!

Und während Slobodan die fremde Frau mit Augen und Nase förmlich auffraß, merkte diese nichts von alledem, erzählte dem Angestellten, wie wichtig dieser Rechner sei. Dieser graue Kasten sei für sie so etwas wie ein graues Haustier, wie ein Partner, wie ihr zweites Leben, unmöglich, dass sie sich von ihm trennen könne. Schließlich setzte sie ein betörendes Lächeln auf, meinte, ob man das Ganze sozusagen ambulant lösen könne. Ja natürlich, pflichtete ihr Slobodan bei, fiel ihr förmlich in die letzten Worte des Satzes. Er nahm behutsam den Computer auf. Ja, er wollte der Partner dieser Klassefrau sein, stellte sich vor, wie er und nicht das blöde Computerding das zweiten Leben dieser fremden Schönen sein würde, wie sie ihm mit ihren langen Händen zärtlich über die Tastatur strich. Zu blöd nur, dass Männer keine Tastatur haben. Und während er zu seinen Schreibtisch ging, beteuerte er, dass man das Problem gleich gelöst haben würde, dass die Dame warten könne, sich vielleicht inzwischen den Katalog ansehen könne, der am Verkaufspult lag. Und so sprach er vor sich hin, sprach, währendessen wilde Bilder in Slobis Kopf abliefen.

Also, wo war die Stützbatterie? Dass sie die Schweinerei im Laptop verursachte, wusste er. Viel mehr brauchte er nicht zu wissen, nicht für diese Reparatur. Der Hardwarespezialist hatte ihn nochmals eingebläut, sich auf keine Fachdiskussionen einzulassen, einfach Kompetenz auszustrahlen und die Kunden bis auf Nachmittag vertrösten. Dann war er gegangen, der Kollege, nun war Slobodan mit dieser Superfrau alleine. Nein, er wollte diese Göttin in Nadelstreif nicht auf Nachmittag vertrösten. Er beobachtete verstohlen ihre langen schwarz lackierten Fingernägel. Wo war bloß die blöde Stützbatterie versteckt? Slobis Hände begannen zu schwitzen, er hantierte zwischen den Platinen herum. Hätte er in den Unterlagen nachgeschaut, erst einmal den richtigen Ordner in dem Chaos gefunden, hätte das zu viel Zeit gekostet. Er wollte nicht herumtrödeln, bis der Hardwarespezialist von der Mittagspause kam und ihm diese Superfrau wegschnappte. Vielleicht noch mit wahrem Meister, mit Hüter des goldenen Chips angab, während Slobodan nur für die Saftware zuständig ist. Ja, „Saftware“ würde er sagen und „nur“ dazu setzen. Die Schöne würde Slobodan keines Blickes mehr würdigen.

Da war sie endlich, die Batterie, ohnehin an derselben Stelle wie bei IBM-Rechnern, ist also ein Hybrid, dieser japanische Kasten, diese Hauskatze des Königstigers im Nadelstreif. Und beinahe hätte Slobi zu miauen begonnen, während er die Lade aufzog, in der sich die Ersatzbatterien befanden. „Fertig, hat hoffentlich nicht zu lange gedauert“, mit stolzer Siegerpose überreichte er der Kundin ihren Laptop. „Sie sind ein Schatz“, sie hauchte es mehr als sie es sagte, sah Slobodan mit einem Blick an, mit dem man sonst höchstens auf Kaninchen Jagd macht, vorausgesetzt, man ist Kaninchenjäger. Dann fragte sie: „Und was bin ich schuldig?“

Hätte Slobodan Zeit gehabt, eine Antwort zu formulieren, wäre ihm klar geworden, dass er das Gesagte nicht mehr zurücknehmen könne, so aber platzte es aus ihm heraus. Er würde sich entschuldigen müssen, dachte er und in seinem Kopf rotierten die Gedanken wie die Wäsche in einer Waschmaschine. Durch die elegante Gestalt der fremden Frau ging ein Ruck, es war nur ein kleiner Ruck, aber Slobi hatte ihn bemerkt und fürchtete, dass sie ihm nun ein wenig Kleingeld hinschmeißen und irgendetwas zutiefst Passendes, zutiefst Verletzendes sagen würde. Was er allerdings nicht wissen konnte, war, dass es gerade dieser Satz war, den sein Gegenüber in diesem Augenblick erwartete, erträumte, sich gedacht hatte. Sie zog ein kleines Kärtchen aus der Tasche, lächelte ihr Kaninchenjägerlächeln, meinte, dass das so in Ordnung sei und er sie um halb acht abholen solle. „Ich hoffe, Sie mögen Japanisch“, sagte sie und verschwand wieder fast lautlos. Nur ein paar Schwaden Zigarettenrauchs und ihr herrliches Parfum hingen noch eine Weile in dem kleinen Verkaufraum der Computerfirma. Slobodan hielt eine Visitenkarte in den Händen. „Antonia ist also ihr Name.“ Einen Moment lang starrte er auf den nun leeren Verkaufsraum. War das alles wirklich passiert oder hatte er geträumt? Sie wollte mit ihm essen gehen. Er schlug mit der Hand auf die Kante des Schreibtisches. Es tat weh, also er hatte nicht geträumt.

Pünktlich um halb acht läutete Slobodan an Antonias Türe. Sie öffnete lächelnd. Nun hatte sie einen roten Seidenkimono an, der ihre Figur noch mehr betonte. Bevor Slobi sich wieder in eingehende Studien vertiefen konnte, entdeckte er das Malheur. Hinter ihr sah er im weichen Licht einen gedeckten Tisch, sah brennende Kerzen, sah, dass nur zwei Stühle zum Niedersetzen einluden. Es war also eine Einladung, eine, die nur ihm galt, die er sich kaum in seinen kühnsten Träumen vorzustellen getraut hatte. Und während Antonia die Sektgläser füllte, sah Slobodan das Muttermal und verspürte Lust, diese sanfte Stelle am Hals zu küssen. Ein leises Stöhnen unterbrach seine Sinneswahrnehmung. Auf dem Tisch stand zwischen zwei matt glänzenden Sushikassetten als Dritter im Bunde die graue Katze, der Widersacher, das zweite Leben Antonias, der Computer eben. Er gab diesen eigenartigen Laut von sich. Slobodan kannte das Geräusch. Auch in seiner Firma handelte man mit Computertönen, dieser angeblich Eros Ramazzotti zugehörige Brunftschrei, der sich wie das Gurgeln eines Wasserbüffels anhörte, war momentan in den Top Ten. Auf dem Bildschirm flackerte die Schrift „Termin“ auf und Antonia, etwas aus dem Konzept gebracht, entschuldigte sich, sie müsse heute noch diesen Anruf tätigen, nur noch diesen, dann sei Ruhe, es würde nicht lange dauern. Und während sie sich mit dem Handy in die Küche zurückzog, bemerkte Slobodan, dass sie Sandalen mit Strasssteinen an den Füssen hatte.

Nun war er mit dem Widersacher, dem grauen Laptop, alleine. Ob sie schon anfangen sollten? Er stieß sein Glas an den Bildschirm und sagte halblaut: „Auf unsere gemeinsame Tastatur, Kumpel“, stellte sich vor, wie der graue Kasten zurückprosten würde. Slobodan hob eine der Sushikassetten hoch, hatte sich gedacht, was er nun sah. Das feine Mahl war von einem der besten aber auch teuersten Partieservices der Stadt und der Sekt war sicher Champagner.

Wieder hatte sie fast unhörbar den Raum betreten, das leise Rascheln ihres Kimonos verriet ihr Eintreten. Mit Bewegungen, geschmeidig wie eine Wildkatze, nahm sie Platz und schoss ihr tollstes Lächeln in Richtung ihres Gegenübers ab. Tausend Kaninchen fielen tot zu Boden und während die graue Katze zwischen den beiden friedlich schnurrte, um ein wenig später den Weg frei zu geben, dachte Slobodan, der gerade in ein Fischröllchen biss, dass er in wenigen Minuten, vielleicht in einer Viertelstunde, mit tausend roten Pusteln überzogen sein würde, der Fischallergie wegen. Trotzdem, es wäre schön gewesen und vielleicht passiert das Ganze nur bei Genuss von gekochtem Fisch. Er lächelte das Lächeln eines toten, aber glücklichen Kaninchens und biss tapfer in das Fischröllchen.

Willi Noelle  

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü