Willi Noelle ein Künstlerleben - twonoelles

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:




Logo des Films





WILLI NOELLE - Ein Künstlerleben
Material zum Film


Ein Mensch, wahrscheinlich der Künstler, streift durch den Wienerwald bei Mauerbach / NÖ. Will er, der Kuh Yvonne folgend, von der Zeitungsfritzen behaupten, sie sei in den Wald gegangen, um ein Reh zu werden, will er diesem Rindvieh folgend auch irgendetwas werden? Werden wir noch mehr über Kühe erfahren? Nichts passiert. Menschen, die gewohnt sind, in 1:30 Minuten die Welt erklärt zu bekommen, schalten jetzt um. Menschen, bei denen das Essen pünktlich zur Signation der Nachrichtensendung auf den Tisch kommt, schalten ebenfalls, einem pavlovschen Reflex folgend, auf die ZiB um, die an diesem Tag parallel zum Film läuft. Dran geblieben sind nur Menschen, die Willi Noelle kennen, sich eben noch ein Bier aus dem Kühlschrank holten, oder verspätet eingeschaltet haben.


„Es sind Bilder, habe ich einmal erzählt, Bilder, die sich erst später zu einem Film, einem Ganzen zusammen setzen", ein Satz, den wir so aufnehmen, wie er gesagt wurde. Dabei handelt es sich nicht um Fernsehbeiträge, die Willi im Laufe seines Berufsleben drehte, die sich mit der Pensionierung zu einem Lebenswerk zusammenfügten, es betrifft sowohl seine Fernsehbilder, seine Malerei, seine Texte, die sein Künstlerleben bilden. Um alle Facetten dieses Lebens aufzugreifen, würde der Film „indische“ Längen annehmen. Gert Baldauf schuf diesen Dokumentarfilm, den besser zu verstehen und sicherlich nochmals mit anderen Augen zu sehen, der Sinn dieser Zeilen ist.

„Von Bildern und geborgten Wirklichkeiten, von Farben und Sichtweisen, von Ein- und Ansichten, vom Unsichtbaren, das sichtbar gemacht werden soll, geht es in dieser Schau um den Filmer, Kameramann, Literaten und Maler Willi Noelle.“ In der Fülle der Begriffe ist wahrscheinlich nicht aufgefallen, dass die “geborgten Wirklichkeiten“ nicht vorkommen. Willis Buch „Die geborgte Wirklichkeit“, das 2008 auf den Markt kam, war bei der Ausstrahlung des Filmes bereits vergriffen. Eine Tatsache, die nicht allein Ausschlag dafür gab, warum das Buch, beziehungsweise ein Teil seines Inhaltes weggelassen wurde. Im Buch werden wir mit dem „Schmetterlingsgedanken“ vertraut gemacht. Dieser wäre zwar für das Verständnis von Willis Leben nützlich gewesen, hätte aber die Vorlage von 45 Minuten mehr als überschritten.

Ein kleiner Teil einer „Antivernissagerede“, die Willi 2009 in einer Wiener Galerie hielt, wird uns als Nächstes geboten. Die Galeriebesitzerin glänzte bei der Eröffnung sicherheitshalber durch Abwesenheit. Dennoch wurde es ein interessanter Abend, der erwartete Eklat blieb aus. Wir werden später mehr über diese Veranstaltung sehen, bei der die ersten Szenen für diesen Film gedreht wurden. Konzipiert wurde er ein Jahr vorher, also bereits 2008.

„Wurde beim Film die Zuwendung der Zuseher durch die Dynamik des bewegten Bildes erhalten, so ist die Malerei statisch. Da bewegt sich nichts, die Leinwand bleibt flach, wie ein sitzengebliebener Germteig, und bewegen tut sich höchstens der Betrachter. Und da kommt mir der Verdacht, dass er sich wegbewegt“, ein Zitat aus einer Rede Willis anlässlich der Bildgespräche 2011 im Amtshaus Meidling in Wien. Er wies damit auf die Notwendigkeit des Dialogs zwischen Maler und Publikum hin. Obwohl sich der Film bewegt, Bilder des Malers kaum gezeigt werden, als ob der Gestalter meinte: „Nicht die Bilder, den Menschen will ich euch zeigen", wird in diesem Film versucht, das Leben eines Menschen den Zusehern näher zu bringen und damit ebenfalls eine Brücke zur Kunst geschlagen.

Nach Kinderfotos - die Bilder wurden unter über hundert Aufnahmen ausgesucht - irritiert die Textzeile von der ersten Kamera, die zum Medienworkshop des Landesjugendreferates montiert wurde, bei der Willi den Sektor Video, Film und Ausdruckstanz übernahm und zeitlich wesentlich später war. Ein Manko, aber wiederum hätte darüber zu berichten den Rahmen des Filmes gesprengt. Wir kommen zu den ersten Amateurfilmen. Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Heute dreht man anders, aber 1971 wurden solche Filme von der Jury als zu progressiv abgelehnt.

Willis Frau kommt kurz ins Bild, nur kurz. Es sollte ein Film über den Künstler und nicht über das Künstlerehepaar werden, so lautete der Auftrag des Senders. Willi zitiert Saint Exupery, nicht den langweiligen Satz „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“. Vielleicht tragen deshalb viele Damen so weit ausgeschnittene Dekolletés, damit sie besser mit dem Herzen… Willi erklärt, wie er zum Malen gekommen ist: „…und das passierte von über 25 Jahren in Anzing in Niederösterreich", dann bricht die Szene ab. Wir erfahren erst auf seiner Internetseite, was damals passierte.

Beeindruckt von der Stimmung in Vorfeld einer Ausstellung im Jugendstilbauerhof von Franz Xaver Schmidt in Anzing / Niederösterreich, fuhren die beiden in ihrem alten Skoda den Hügel hinauf, malten auf der Kühlerhaube ihr erstes gemeinsames Landschaftsbild. Vorsichtig steuerten sie, noch immer das Blatt auf der Motorhaube, das Auto zurück in den Bauernhof mitten in die Ausstellung und erklärten den staunenden Künstlern, dass sie von nun an auto-didakt wären, das war der Anfang des malenden Ehepaares. Aber wie gesagt, der Auftrag des Senders lautete anders.

Willi erklärt seine erste Bilderserie, die „Geschwungene Gerade“. Es wird klar, wie Beruf, in diesem Fall ein Dreh mit einem Quantenphysiker, und die Bilderserie zusammenhängen. Dasselbe gilt auch für den MiniZiB Film über Rumänien und die Bilderfolge PLINK. Darauf einzugehen hätte allerdings dem Künstlerportrait Überlängen beschert.

Der Gestalter führt uns zurück ins Jahr 1973, Willi Noelle feierte als Amateurfilmer seinen größten Erfolg und macht sein Hobby zum Beruf. Gleich danach kommen wir wieder in die Fast-Jetztzeit (2010) zurück. Wir erleben eine Vernissage in einer Apotheke. Willi hatte vorher bereits in einem Postamt und in einem Waschsalon seine Bilder gezeigt. Wobei der Waschsalon in Bregenz sicher die sauberste aber auch die langweiligste Art war, Bilder zu zeigen. Lieferten die einzelnen Waschmaschinen doch viel spannendere Einblicke, zumindest für manche Kundinnen.

Mit naiv in die Welt blickenden Augen treffen wir Willi auf dem Studentenausweis der Filmhochschule wieder. Können Sie sich noch an die Kinderfotos von vorhin erinnern, an die weit aufgerissenen, naiv in die Welt blickenden Augen? Der selbe Gesichtsausdruck. Schade, dass der Gestalter diese Fotos aus der Kindheit nicht neben das Foto des Studenten gestellt hat. Vielleicht war dies gar nicht nötig, vielleicht reichte die Erzählung: „Ich erinnere mich noch an den verregneten Tag, an dem ich mit dem roten Schirm meiner Freundin und der Überzeugung, dass man mich hier brauchen würde, zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst, Abteilung Film und Fernsehen ging. Der Portier meinte, auf so etwas wie Sie haben wir gerade noch gewartet und meinte damit möglicherweise das Gegenteil….“ Moody Blues besangen in den sechziger Jahren das Sehen mit den Augen eines Kindes. „Mit den Augen eines Kindes“ ist, obwohl Kinder auch Zwängen unterliegen und sich mit Hoffnungen quälen, fast die Übersetzung vom „Schmetterlingsgedanken“, nur viel kürzer formuliert.

„Am ersten August 1976 flimmerten meine Bilder über den Bildschirm, ich hatte es geschafft, ich war Kameramann des ORF…“, erzählt Willi. Kommt Ihnen das Datum bekannt vor? An diesem Tag stürzte in Wien die Reichsbrücke ein. Zwei Ereignisse, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass Willi auch ein paar Einstellungen von diesem Ereignis drehte, wir daher wissen, wann er zirka mit der professionellen Filmerei begonnen hat.

Zurück ins Jahr 1992, Willi drehte den MiniZiB Film „Das neue alte Land“. Dass diese Reise später Auswirkungen auf seine Maltätigkeit haben wird, erklärte ich bereits. Nach Ausschnitten aus diesem im Original acht Minuten dauernden Streifen werden wir wieder nicht alles erfahren, etwa über die Bedeutung des Hahnes in der Mitte des Films, danach kehren wir ins Jahr 2011 zurück. Vor der Kulisse der Berge des Bregenzerwaldes erzählt Willi von seinem Traum, Wetterkameramann zu werden. Was wie ein Witz klingt, wurde in Vorarlberg wahr. Er liebte es, mit dem „Wetterfrosch“ Franz Michel Hinteregger für die Wettervorhersage des ORF Lokalsenders zu drehen, natürlich nicht nur dieses, hier konnte er Filme drehen, von denen er in Wien nur träumte.

Die 1570 in Hard am Bodensee erbaute Mittelweiherburg leitet zur eigentlichen Maltätigkeit von Willi Noelle über. Erst jetzt, in der zweiten Hälfte des Filmes, lädt uns Willi in sein Atelier „Glöggelehus“ hoch über Dornbirn ein, und während er erzählt, werden wir Zeugen der Entstehung des Bildes „Schedelsche“.

„Wenn ich in die Wüste gegangen wäre, wäre ich Heiliger geworden, oder Terrorist. Ich bin nach Vorarlberg gegangen und als Maler zurückgekommen“, sagt Willi. Na, da sind wir aber froh, dass es Vorarlberg gibt, werden Sie vielleicht etwas sarkastisch denken. Die Abgeschiedenheit, die einem Wiener vorerst im kleinsten Bundesland ereilt, hat gut getan, nicht nur seinen Kuhbildern.

„Vorarlberg hat auch frisches Blut in die literarische Ader Willi Noelles gepumpt. Eine kleine Lesung am Bodensee, die aber auch in das Leben des Kameramanns zurück führt….“ Willi las diesmal nicht aus seinem Buch, auch keine seiner Prosa- oder Lyriktexte, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind. Er leitete mit seiner Erzählung zu den für DDR-Flüchtlinge schicksalhaften 23. August 1989 über, als sich die ungarische Grenze öffnete. Glück im Unglück, denn als es ans Schneiden ging, waren alle ORF-Filme, die Willi gedreht hatte, unauffindbar. Eine Panne im Archiv führte dazu, dass weder die mit Antonia Rados in Beirut, mit Fritz Orter in Jugoslawien, mit Paul Lendvai in Ungarn und mit Barbara Coudenhove-Kalergi in Polen gedrehten Aufnahmen zur Verfügung standen. Vielleicht hätten sie im Landesstudio Vorarlberg noch ein paar Wettereinstellungen gehabt. Die drehte Gert Baldauf selber und das mindestens so gut, wie Willi es ein paar Jahre vorher gemacht hatte. Eine alte VHS-Kassette, auf der einige ZiB-Beiträge aufgezeichnet waren, konnte gerade noch über ein Fernsehergerät abgespielt werden. Das Glück war nicht, dass so doch noch ein Beitrag Willis im Film über ihm laufen konnte, das Glück war, dass nicht mehr solcher Beiträge vorhanden waren, der Eindruck vom Kameramann nicht überstrapaziert wurde und so ein Gleichgewicht in seinem künstlerischen Wirken aufrecht erhalten wurde.

„Mit seiner Frau Brigitte lebt Willi Noelle heute großteils im niederösterreichischen Mauerbach.“ Wir sind in die Gegenwart angelangt. Das letzte Bild, das Willi in seinem Atelier gemalt hat, wird ausgepackt. Wir erfahren die Hintergründe dieses nach der Schedelschen Weltchronik (1493) benannten Bildes. Auch hier machen sich Einflüsse bemerkbar, diesmal war es ein Freundschaftsbesuch der Belegschaft der Vorarlberger Landesbibliothek bei den Kollegen in Liechtenstein. Willi war kaum von der ausgestellten Chronik wegzureißen und seine Frau, Bibliothekarin Dr. Brigitte Noelle, merkte sich diesen Vorfall und nächste Weihnachten….

Die Bilderserie Blue Moon führt uns an verschiedene Plätze Niederösterreichs, so auch nach Henzing, wo neben der Heurigenschank Hauck das alte Haus von einem der Bilder steht. Leider konnte nicht an allen Orten gedreht werden, die Straße bei Ollern, wo uns am Bild neben dem Reitstall der dritte apokalyptische Reiter entgegen kommt, sieht heute anders aus, die Bäume wurden gefällt, und ein Schranken verwehrte die Fahrt zur Waldandacht in Hadersdorf-Weidlingau.

„Irgendwann werden wir das Atelier in Vorarlberg aufgeben müssen. Allein dieser Gedanke hat mich so schwermütig gemacht, dass ich diese Stimmung, dass ich hier wieder in Niederösterreich bin, dass ich hier keinen Strich malen werde, das hat mich so deprimiert, dass ich versucht habe, es in einer Bilderserie, diesen Blue Moons, auszudrücken und das ist der eigentliche Hintergrund dieser Bilder.“ Ende September 2011 war es soweit. Das Ehepaar Noelle gab ihr Atelier Glöggelehus in Dornbirn auf. Seither hat Willi keinen Pinselstrich gemalt.

Am Anfang des Films streift ein Mensch, wahrscheinlich der Künstler, durch den Wienerwald. Will er, der Kuh Yvonne folgend, auch irgend etwas werden? Nein, so wie Yvonne kein Reh wurde, ist Willi in der Erinnerung Kameramann geblieben. Dass es ein Künstlerleben war, das er führte, wissen die wenigsten. Ein Nachruf zu Lebenszeit, oder nur die Darstellung einzelner Lebensabschnitte eines kreativen Menschen?

„Mögen meine Bilder euch gefallen", mit einem Satz, der aus Mel Brooks’ Spaceballs stammen könnte, endet der Film, nur der Schatten des Kameramanns, in diesem Fall der drehende Gestalter Gert Baldauf, bleibt im Bild hängen.

Wir danken allen, die zur Verbreitung der 45 Minutendoku: „Willi Noelle, ein Künstlerleben“ beigetragen haben, vor allem aber BR-alpha Österreich, dem Kulturjournal Radio Niederösterreich, der NÖN Purkersdorf, der Kulturvernetzung Niederösterreich, dem Kunstverteiler Otto, dem Verein "Künstler im Wienerwald" und der Literatur Vorarlberg. Wir danken BR-alpha Österreich und vor allem Julius Kratky und Gert Baldauf, dass dieser Film entstehen konnte.
Der Film lief auf BR-alpha am 27.und 28. 3. 2012. 

Falls Sie in Vorarlberg wohnen, auf der Landesbibliothek gibt es den Streifen anzusehen.

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü