von Willi Noelle - twonoelles

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Heimat
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Heimat ist wo ein Film läuft

Zuerst muss ich mich entschuldigen, dass auf dieser Seite kein Video läuft, wie Sie vielleicht erhofft haben. Es geht in diesem Abschnitt um den Begriff Heimat und vielleicht, wenn Sie dieses Kapitel gelesen haben, läuft dann doch noch ein Video, ein Film ab; in Ihnen ab. Jedenfalls würde es mich freuen, wenn sowas passiert.







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Bild von Willi Noelle
Heimat kann vieles sein:
ein Wald, vorausgesetzt Sie sind ein Baum,
ein Berg, vorausgesetzt Sie sind die Alpen,
die Schweiz, vorausgesetzt Sie sind Schweizer.

Was die Schweizer betrifft, so gibt es dort den Heimatschein. Ein Stück Papier, ohne den in der Kantönli-Republik gar nichts geht. Selbst wenn jemand in Zürich geboren wurde und jetzt in St. Gallen wohnt, kann sein Heimatschein durchaus auf Heimiswill lauten. Vielleicht liegt dort sein Urgroßvater am Friedhof. Aber sonst wird in Heimiswill niemand mit ihm etwas anfangen können. Die Schweizer haben sich also den „Schein“ einer Heimat bewahrt, wenn auch nur auf dem Papier.
Was die Alpe betrifft, so gibt’s dort keine Sünd, ansonsten jede Menge Almröserln, Enzian und Kuhfladen. Auf der Alm wird niemand geboren, vorausgesetzt er ist keine Kuh. Und der einzige, der hier den „Schein“ von Heimat aufrecht erhält, ist der Heimatfilm.
Was den Baum betrifft, so hat er Wurzeln. Man sagt, er ist tief mit der heimatlichen Erde verwurzelt. Eine Erde, von der man ein paar Handvoll bis Amerika nachgeschickt bekommt, vorausgesetzt man ist Steirer. Eine Erde, von der man ins Grab mitbekommt, vorausgesetzt man ist Toter. Eine Erde, die man schmecken kann, vorausgesetzt man ist Regenwurm, Maulwurf oder Papst.
Was die Wurzeln betrifft, so spricht man von einem Entwurzelten, wenn jemand seine Heimat verloren hat, als wäre Heimat ein Baum. Von heimatlos, wenn jemand keinen Heimatschein vorzuweisen hat, als wäre Heimat die Schweiz, und von Heimatort, wenn jemand „den Mittelpunkt seines Interesses“ an einem Ort gefunden hat, als wäre Heimat ein komplizierter juristischer Begriff.
Foto Willi NoelleHeimat kann in vielen Begriffen vorkommen:
der Zeit, in der ein Film läuft.
der Ort, an dem mein Tiefkühler läuft,
der Schlüssel, der ins Schloss passt,

Was das Schloss betrifft, so steht es für Sicherheit. Es sperrt jedoch auch Wertvolles weg, macht es anderen nicht zugänglich. Seit längerer Zeit hängen Jungverliebte ein Vorhängschloss irgendwo in der Stadt an ein Gitter, versperren es und werfen die Schlüssel weg. Geht man durch die Straßen, sieht man überall eine große Anzahl von Schlössern, die still vor sich hin rosten. Für die Jungverliebten kann Heimat dort sein, wo ihr Vorhängschloss hängt, wo es Sicherheit und Wertvolles zu Erleben gibt. Doch das Wertvollste, der andere Mensch, kann verloren gehen. Die Sicherheiten zerbrechen, etwa wenn jemand seinen Arbeitsplatz verliert und wie schnell kann dies passieren. Es gibt viele, denen das passiert ist. Still hängen dann noch immer die Schlösser an den Gittern und zeugen von einer Heimat, wo es längst keine Sicherheit mehr gibt, wo das Wertvollste der Kampf ums Überleben geworden ist, wo der Schlüssel nicht mehr ins Schloss passt.
Bild Willi Noelle
Was den Tiefkühler betrifft, so ist der stets voll leckerer Sachen, die das Wohlbefinden stärken. Es muss nicht unbedingt ein Tiefkühler sein, vielleicht ist es ein Eiskeller, die Vorratskammer, vielleicht sind es die Fleischtöpfe Mamas, oder die Fädlesuppen am Sonntag. Jedenfalls ist es eine Heimat, die es einem gut gehen lässt, in der man sich wohl fühlt. In dieser Heimat gibt es neben dem Tiefkühler, in dem man Dinge zum späteren Gebrauch frisch hält, auch noch andere Behältnisse, Koffer, Kisten, in denen Dinge für später, vielleicht aber auch für immer verwahrt bleiben, Zeugnisse längst vergessener Nöte, niemals abgeschlossene Geschichten und verdorrte Lieben. Diese Heimat ist also nicht nur eine, die das Wohlbefinden stärkt, sie ist auch eine, die wehmütig macht. Eine von Gestern, wie ein Tiefkühler, der nur noch sinnlos im Weg rum steht und Strom frisst.
Was den Film betrifft, so läuft er in irgend einer Ecke, in uns selbst.

Es sind Bilder, die sich stets verändern. Beim einem schnell, beim anderen langsam. Nennen wir es Film, bewegte Bilder. Und nur wenn sich diese Bilder mit der Umwelt decken, die sich natürlich auch stets verändert, dann spricht man von Heimat. Dann kann die Heimat ein Wald sein, ein Berg, oder die Schweiz. So einfach ist das.
Willi Noelle
 
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