Zusatz zur Disserataion Dr. Brigitte Noelle - twonoelles

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Heimat
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HEIMAT 2
Überlegungen 7 Jahre nach der Dissertation

Als wir das Kapitel über die Heimat aus meiner Dissertation ins Internet stellten, habe ich es nach langer Zeit wieder durchgelesen; zunächst wollte ich es überarbeiten, dann aber beschloss ich, 
es im Wesentlichen so zu lassen wie es war; die andere Möglichkeit wäre gewesen, es völlig zu ändern. Inzwischen habe ich eine Menge neue Erfahrungen gemacht, Unsicherheiten und Trauer erlebt und schließlich von einem Ende Österreichs an das andere gezogen - vorläufig zumindest.

Eines der Ergebnisse dieser knapp 7 Jahre sind die folgenden Überlegungen zum Thema Heimat:

"Heimat" ist für mich mehr denn je mit den Begriffen Sicherheit, Identität und der Möglichkeit, sein Leben selbst zu bestimmen, verknüpft.

"Heimat" muss nicht ein bestimmter Ort sein, schon gar nicht das im Übermaß strapazierte Dörfchen mit Kühen, kernigen Bauern, Kirchenglocken und dem Dorfschullehrer in diversen Konstellationen. Man kann seine Heimat auch in einer Aufgabe finden, in einer Idee, in einer Gruppe von vertrauten Menschen.

"Heimat" ist kein statischer Zustand. Wo und wie es für jeden einzelnen Menschen stimmt, pflegt sich im Laufe der Zeit zu ändern, solange er/sie lebt und bereit ist, sich auf das Leben einzulassen.

Man kann froh sein, eine Heimat gefunden zu haben, aber Stolz auf eine Heimat ist nicht angebracht. Heimat ist ein Glück und kein Verdienst. Selbst die eigenen 4 Wände und den Grünstreifen rundherum verdanken die Besitzer glücklichen Umständen, etwa nicht in der Sahel-Zone geboren worden zu sein, reiche Eltern zu haben oder den richtigen Beruf erlernt zu haben.

Heimat lässt sich nicht verordnen oder befehlen. Wo und was Heimat für jeden einzelnen bedeutet, hängt von den äußeren Umständen aber vor allem von der eigenen Befindlichkeit ab.

Heimat ist mit anderen Menschen teilbar. Niemand stiehlt dem anderen durch seine bloße Anwesenheit seine Heimat. Sie wird genommen durch Vertreibung, durch Repression, Ausgrenzung, Einschränkung, aber auch durch existentielle Bedrohungen im weitesten Sinne.

Heimat bedeutet auch die Freiheit des Individuums, auch die, immer unterwegs zu sein. Aber auch die Möglichkeit, zurück zu kehren oder irgend wo zu bleiben.

Das Wichtigste: Heimat, so wie ich sie verstehe, ist ein Menschenrecht, und jemandem sein gesichertes Umfeld mutwillig zu nehmen, ist unverantwortlich bis verbrecherisch.

Ohne Heimat: Früher bedeutete "elend", keine Gemeinde zu haben, zu der man gehört, und die einem notfalls einen Versorgungsplatz zur Verfügung stellte. Also auch Sicherheit, nicht mehr und nicht weniger.

Frei ist man, wenn man Wahlmöglichkeiten hat. Vogelfrei, wenn man der Möglichkeit zu leben beraubt wird.

Damals wie heute bedeutet ohne Heimat zu sein in Angst zu leben.

Heimat ist unerschütterlich und fragil, wie eine Handvoll Sand, wie ein Kaleidoskop.

Dr. Brigitte Noelle
In der Fremde von Brigitte Noelle
 
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