Dissertation Dr. Brigitte Noelle - twonoelles

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Heimat
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Heimat


Auszug aus der Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien
vorgelegt im Mai 1995 von BRIGITTE NOELLE, mit dem Titel FRANZ NABL - Vom Wiener Romancier zur steirischen Integrationsfigur. Seite 100 bis 107 (überarbeitet)
Bedeutungswandel des Begriffes "Heimat"

Lange Zeit war der Begriff "Heimat" von administrativer Bedeutung: er kennzeichnete den Herkunftsort einer Person oder die Gemeinde, in der er das Wohnrecht innehatte. Als Reaktion auf die industriellen Revolution und der Entstehung großer geballter Siedlungsgebiete wies ihm das von der Entwicklung überforderten und verunsicherten Bürgertum eine emotional aufgeladene Bedeutung zu: Heimat wurde zur Umschreibung des einfachen, überschaubaren und dezentral organisieren Lebens, das als Prototyp von der Vorstellung der bäuerlichen Existenz verkörpert wurde. Autoritäre Regierungen - angefangen von Wilhelminischen Deutschland, das Heimat mit dem Vaterland gleichsetzte, für das man sein Leben hinzugeben hatte, bis zum Nationalsozialismus, der mittels der Blut-und-Boden-Ideologie den Terror gegen vermeintliche Feinde zu legitimieren suchte - luden den Begriff ideologisch auf und betrieben die Vereinnahmung zu politischen Zwecken. Die Assoziationen, die er in der folgenden Zeit erweckte, machten ihn mehr als ein Vierteljahrhundert als Forschungsgegenstand obsolet. Mittlerweile gibt es jedoch Versuche, die Bedeutung von "Heimat" - auch unter Zuhilfenahme empirischer Mittel - neu zu bestimmen.

Die Konjunktur, welche die Heimat in den letzten Jahren erfährt, lässt sich auf soziale Prozesse zurückführen: ökologisches, politisches und soziales Krisenbewusstsein ruft das Bedürfnis nach einem Sicherheit bietenden Rückzugsraum hervor, das Wissen um die "Grenzen des Wachstums" zusammen mit dem Wunsch nach natürlichem Leben fördert ein postmodernes wertkonservatives Bewusstsein, das "Heimat" als positiven Wert wiederinstalliert.

Neben der rein lokalen Bedeutung des Wohn- oder Herkunftsortes lassen sich folgende Bedeutungsfelder beschreiben:

Heimat als Synonym für Sicherheit, Identität und aktive Gestaltung der Lebensbedingungen

Diese Bedeutung hat - ungeachtet dessen, dass sie als Bedürfnis durchaus Berechtigung hat - zwei Komponenten: die kulturanthropologische Interpretation zielt auf die Verwirklichung durch territoriale Gegebenheiten. Ina Maria Greverus vertritt die Ansicht, dass Heimat in diesem Sinne durch dezentralisierte, überschaubare und ökologisch intakte Siedlungen, z.b. Dörfer zu verwirklichen sei. Sie lässt dabei allerdings die starke normative Kraft einer solchen kleinen Gemeinschaft außer acht, die gegebenenfalls Sicherheit vermitteln kann, die individuelle Lebensführung jedoch einschränkt und erweckt durch das Postulat territorialer Bedürfnisse beklemmende Assoziationen zu imperialistischer Machtpolitik.

Eine weitere Interpretationsvatiante beschränkt sich nicht allein auf räumliche Zustände: Heimat in obigem Sinne kann auch durch Partner, Gruppen oder Aktivitäten vermittelt werden. Es ist auch zu betonen, dass "Heimat" unter diesem Aspekt auch eine Großstadt sein kann.

Heimat als Regression in Kindheit oder Idylle

Dieses Verständnis des Begriffes "Heimat" wird durch seinen evasiven Charakter geprägt. Kindheit als Ort von Harmonie und Glück bietet sich ebenso als Projektionsfläche idyllisierender Gestaltung an wie die ländliche Landschaft, der für Großstädter ein gewisser binnenexotischer, verfremdender Charakter anhaftet. Diese Interpretation hat bereits eine lange Tradition, die heute von der Fremdenverkehrswerbung ausgenützt wird.
Idylle bedeutet aber auch den nicht entfremdeten Raum einer imaginierten Gegenwelt, deren utopischer Charakter allerdings unter regressiven Vorzeichen steht.

Auch für spirituelle Überhöhung des Heimaterlebnisses wird unter Ausblendung ideologischer Aspekte die Provinz als Klischee antizivillisatorischer Lebensformen auch heute noch vorzugsweise herangezogen und vermittelt so in zunehmenden Maße unter dem Deckmantel von Selbst- oder Naturerfahrung konservative Werte. Diese Renaissance der Provinz, die mit der zunehmenden Wiederentdeckung von Volkskunst und -bräuchen einhergeht, neigt dazu, in bedenklicher Weise an nationalsozialistischen Ideologemen anzuknüpfen, bzw. sie unreflektiert zu übernehmen. Dafür bietet das 1992 erschienene Buch "Grüne Wurzeln. Ökologische & spirituelle Reform in der Steiermark" von Reinhard Farkas, in dem Personen, die eng mit dem Nationalsozialismus verknüpft waren, pauschal exkulpiert werden, ein Beispiel, dessen unkritischer und eklektizistischer Charakter im Buch selbst formuliert wird:
"Von irgendwelchen Berührungsängsten ist der Herausgeber nicht eingeschränkt. In dem umfangreichen Literaturverzeichnis kommt der international bekannte Soziologe Jürgen Habermass neben dem obersteirischen Arzt, Dichter und Lokalhistoriker Gustav Hackl zu stehen, und wie selbstverständlich werden Abhandlungen aus dem Organ des Alpenländischen Kulturverbandes Südmark, Lot und Waage, zitiert."

Heimat als Ort kritischer Auseinandersetzung

Diese Interpretation von "Heimat" hat auch emanzipativ-politischen Charakter: Heimat ist etwas, in dem man lebt und das erst "erarbeitet" werden muss, um wirklich heimatlich zu werden. Die Komplexität der Region, wie Norbert Mecklenburg "Heimat" in diesem Sinne bezeichnet, wird nicht ausgespart. Das Schwergewicht dieses Verständnisses liegt in der Notwendigkeit der durch kritische Auseinandersetzung sich ergebenden Aktion. Wo die zukunftsweisenden Perspektiven fehlen, bekommt dieser Heimatbegriff resignativen oder ablehnenden Charakter.

Heimat als Klischee


Das durch Literatur, Film u.ä. konsolidierte Klischee siedelt "Heimat" in der Provinz an. Es zeichnet sich durch Einfachheit, Übersichtlichkeit und Konservativismus aus und rechtfertigt durch das Personeninventar "bodenverwurzelter" Einheimischer die Ausgrenzung "wurzelloser Fremder". Es fällt auf, dass auch in wissenschaftlichen Publikationen von diesem Klischee ausgegangen wird. Greverus sieht im Dorf eine Verwirklichungsmöglichkeit der Heimat im Sinne von Sicherheit, Identität und aktiver Gestaltung der Umgebung, Norbert Mecklenburg konstatiert an modernen Heimatromanen die aus der Einfachheit resultierende Möglichkeit, die Provinz ästhetisch auszubeuten. Dieses historisch gewachsene Stereotyp der einfachen Provinz als Gegensatz zur komplexen Großstadt ist mittlerweile überholt: Durch Mobilität und mediale Vernetzung der mitteleuropäischen Gesellschaft verwischen sich die Gegensätze. Zudem macht weder die ökologische Krise noch die Konsequenzen politischer Entscheidungen nach den Stadtgrenzen Halt.

Heimat in der Literatur

"Das Hier und Jetzt, die Vergangenheit, die Utopie, das Jenseits - alles kann die Heimat sein", schreibt Hans-Georg Pott in den als Frage formulierten Aufsatz: "Der neue Heimatroman"? . Zum Konzept 'Heimat' in der neueren Literatur". Dies macht das Dilemma deutlich, dass "Heimatliteratur" einerseits nicht mehr allein im Zusammenhang mit Romanen über Bauern, Blut und Boden gesehen werden kann, anderseits der Begriff "Heimat" nicht zuletzt durch Texte von Ernst Bloch ("Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.") und Jean Améry ("Heimat ist (...) Sicherheit...") eine Bedeutung erlangt hat, die weit über lokale Gegebenheiten hinausweist und die Bestimmung des Genres "Heimatroman" im weitesten Sinne des Wortes verhindern. Norbert Mecklenburgs Einteilung in regionale-, Provinz- und Heimatliteratur stellt ein praktikables Konzept dar, das allerdings die Bereiche der geistigen, sozialen u.a. Heimat ausspart, ja aussparen muss, um eine Abgrenzung von anderen Genres zu erreichen.

Die vorangegangenen Interpretationen des Heimatbegriffes werden auch in der Literatur realisiert. Seine ideologischen, psychologischen und literaturgeschichtlichen Dimensionen bestimmen die Art der Darstellung. Es muss dabei festgehalten werden, dass die affirmativen, wertkonservativen und agrarromantischen Werke, von der vor und um 1900 in Deutschland einflussreichen Heimatkunstbewegung programmatisch definiert, mit denen die Heimatliteratur heute assoziiert wird und in Form von Trivialliteratur sich immer noch behauptet, sich erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts durchgesetzt haben und nie ganz allein standen. Sowenig wie die Werke Gottfried Kellers und Ludwig Anzengrubers in diesen Rahmen passen, orientierten sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts alle Romane an diesem Stereotyp. Johannes Freumbichlers Roman "Philomena Ellenhub" (1937), der im Entstehungsjahr den Förderungspreis des Großen Staatspreises für Literatur Österreichs erhielt, distanziert sich beispielsweise von der von Hierarchien, Schicksal und Gottesgläubigkeit geprägten Masse der damaligen "Heimatliteratur".

Fasst man den Begriff dieser Literatur weiter in dem Sinne von Texten, in deren Zentrum Thematisierung und Auseinandersetzung mit "Heimat" steht, zeigen einerseits die kritischen Volksstücke Ödön von Horvàths, anderseits die dem "Habsburger Mythos" zugeordneten Werke wie Josef Roths "Radetzkymarsch" die Bandbreite der jenseits des Stereotyps "Heimatroman" angesiedelten Werke auf. In der Zeit des Ständestaates und des Nationalsozialismus wurde "Heimatliteratur" auf die idyllisierende oder stereotype Gestaltung des bäuerlichen Lebens reduziert und gefördert.

In den sechziger und siebziger Jahren entstanden in Österreich eine Reihe von Werken, die unter dem Begriff "Anti-Heimatliteratur" zusammengefasst wurden. Sie setzten sich mit regionalen Lebensbedingungen kritisch auseinander oder boten durch form- und sprachkritische Elemente ein verfremdetes Bild ländlicher Räume und unterschieden sich dadurch von den traditionellen Heimatromanen und den von ihnen entwickelten Klischees. Diese Literatur, die man als Ablösungsprozess von den althergebrachten (Literatur-)Werten verstehen kann, wurde etwa zu Beginn der achtziger Jahre durch die literarische Aufarbeitung von Heimat, die unter Aspekten der Verinnerlichung und der Kindheit stand, erweitert.

In die Zeit der siebziger Jahre fällt auch der Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit der traditionellen Heimatliteratur durch die Wissenschaft. Die ideologische Belastung des Begriffes "Heimat" dürfte der Grund für die relativ spät erfolgte die Behandlung dieses Themas in der Literaturwissenschaft nach 1945 sein, die dann jedoch kritisch und soziologisch untermauert einsetzte: Peter Zimmermann untersuchte die Entstehungsbedingungen und Merkmale des Bauernromans, Karlheinz Roßbacher Ideologie und Literatur der Heimatkunstbewegung. In den achtziger Jahren begann sich, bezugnehmend auf neue, innovative Behandlung des Themas "Heimat" und "Heimatliteratur" eine Reihe von Wissenschaftlern, allen voran Norbert Mecklenburg um eine Neubestimmung und -klassifizierung des Begriffes anhand von Werken moderner Autoren, unter denen bedeutende österreichische Autoren wie Peter Handke, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek vertreten sind, zu bemühen.

Den Wandel dieser Literatur in den achtziger Jahren bezeichnet Wilhelm Solms als "Niedergang", den er mit dem Rückgang (binnen-) "exotischer Verhältnisse und außergewöhnlicher Lebensläufe" am Land und in der Kleinstadt erklärt. Tatsächlich ist die regionale Literatur dieses Jahrzehnts von der Hinwendung der Autoren auf ihre Subjektivität geprägt, die sich durch das Schlagwort der "Neuen Innerlichkeit" beschreiben lässt und der Bedeutung von "Heimat" regressive Züge verleiht.

Dr.Brigitte Noelle

 
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