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Fotos Willi Zvacek erschienen im Kuckuck Nr 10, 5 März 1933, Seite 15




Buchstabe "R" steht Schlange

Ein Tag im Hernalser Fürsorgeamt
KUCKUCK Nr10, 5 März 1933 Seite 15/16

"Die Räume sind viel zu klein", sagt der Leiter des Fürsorgeamtes. Zu klein für die ungeheure Arbeit, die hier geleistet werden muß. Zu klein für das unendliche Elend, das hier vorbeizieht an den drei, vier Schaltern des Hernalser Fürsorgeamtes. Fürsorgearbeit ist Sisiphusarbeit [!]: wem heute ein wenig geholfen wird, der weiß in ein, zwei Wochen kaum noch, daß er ein Lebensmittelpaket, eine Geldaushilfe erhalten hat. Alles zerrinnt hier buchstäblich immer wieder ins Nichts. So müssen die Männer hinter den Schaltern hundertmal an einem Vormittag dasselbe sagen: "Natürlich müßten Sie viel mehr bekommen, aber wir können Ihnen nicht mehr geben, weil unsere Mittel sehr beschränkt sind." Die Wirtschaftskrise hat ihre grausamen, ungeschriebenen Gesetze. Eines sagt: Je größer die Zahl der Unterstützten wird, um so geringer werden auch die Geldmittel, die zur Verfügung stehen. Jeden Winter erinnert man sich fast mit Sehnsucht an den vergangenen. Ja, im Vorjahr, da hatten wir noch mehr Geld zur Verfügung. Da hat der Bund noch nicht so gespart, da sind auch die Privatspenden für die Winterhilfe viel reicher eingelaufen! Weniger Mittel, aber mehr Menschen, die seit Jahren arbeitslos, zum großen Teil schon ausgesteuert sind. Die Beamten hinter dem Schalter haben eine ebenso undankbare wie wichtige Aufgabe: Das Wenige möglichst gerecht zu verteilen! Es ist eine bittertraurige Gerechtigkeit!
Zeitschrift Kuckuck 1933
Eine Frau im Umhängetüchel braucht für ihr Kind ein Paar Schuhe, aber im Kartothekblatt ist vermerkt, daß sie bereits ein Paar Schuhe erhalten habe, aber die waren ja für den Peperl, und die Mitzerl hat jetzt auch keine ganzen Schuhe mehr. Der Beamte hat die Personalien vor sich liegen: Der Mann ist arbeitslos und es sind drei Kinder da. Aber ein zweites Paar Schuhe kann die Frau doch nicht bekommen. Die Mittel für die Schuhaktion sind nicht groß genug, um einer Familie zwei Paar Schuhe zu bewilligen...


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Der arbeitslose Elektrotechniker hat seine Speisemarken für den Monat Jänner bereits verbraucht. Man kann es ihm glauben, daß er an einem Tag drei, vier Marken verbraucht hat - aber es gibt auch zu wenig Speisemarken! Was hilft die Logik, einmal müsse man sich doch satt essen gegen die Vernunftlosigkeit einer Ordnung, die bei vollen Getreidespeichern Millionen hungern läßt. Hier im Fürsorgeamt, ist leider von der Überproduktion auf dem Weltmarkt nichts zu merken. Aber ich kann das Kind doch nicht ohne Schuhe in die Schule schicken, sagt die Frau mit dem Umhängetüchel. Aber ich brauche doch Speisemarken, sagt der junge Elektotechniker. Ich habe doch nur ein einziges Käsepaket bekommen, berichtet  einArbeitsloser, und wir sind doch vier Personen. Auf ein Fürsorgeblatt entfallen zwei Schachteln Käse und eine Anweisung auf vier Laib verbilligten Brot. Mehr ist einfach nicht da. Darum wird das Fürsorgeblatt geradezu zu einer Lebensmittelkarte, zu einem Bezugschein, wie wir ihn aus der Kriegszeit her noch in Erinerung haben. Hunderttausende Haushalte könnten ohne den bescheidenen Rückhalt an dem öffentlichen, gemeinsamen Haushalt des Fürsorgeinstituts auch nicht einmal notdürftig über Wasser gehalten werden - die Mittel dieses gemeinsamen Haushaltes der Arbeitslosen und Ausgesteuerten sind aber viel zu klein für die allerdringlichsten Bedürfnisse der industriellen Reservearmee in Wien.
Zeitschrift Kuckuck 1933
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Es war ein ruhiger Tag, als wir das Fürsorgeamt besuchten. Der Buchstabe "R" war an der Reihe. Beim "M" - erzählte uns der Gemeindewachmann - sind die Leute auf der Gasse vor dem Fürsorgeamt Polonäse gestanden. Immerhin ziehen auch an diesem Vormittag neunhundert bis tausend Menschen an den Schaltern des Fürsorgeamtes vorbei. Sie kommen wegen der Notstandshilfe und wegen der Winterhilfe. Ausgesteuerte Arbeitslose und Familienerhalter, die wenigstens zwanzig Wochen arbeitslos sind (auch wenn sie noch eine Unterstützung beziehen), erhalten die einmalige Notstandshilfe der Gemeinde Wien. Aber wer da ist, will auch gleich wissen, ob er Kohlen und Petroleum bekommen kann. Im Zimmer des Amtsleiters Popovic drückt einer dem anderen die Türklinke in die Hand. 
Zeitschrift Kuckuck
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"Ich bin abgewiesen, weil ich bei der Mutter wohne, aber die Mutter wird ja von mir erhalten." Genosse Popovic steicht das "abgewiesen" durch, und schon reicht ihm der nächste Arbeitslose sein Fürsorgeblatt hin. Auf dem Blatt ist vermerkt: ein Lebensmittelpaket, ein Käsepaket, die zehn Schilling einmalige Aushilfe. Ob er nicht noch wenigstens ein Käsepaket erhalten könne? Es geht nicht. Neben dem Amtsleiter liegt ein Berg von Fürsorgeblättern, alle wollen etwas bekommen. Auf dem großen Tisch im Nebenzimmer liegen kleine Päckchen Papier: die Speisemarken, die Anweisungen auf ein Lebensmittelpaket, auf Käse und ermäßigten Brotbezug. Speisemarken bedeuten: Wenigstens einmal am Tag (die Sonntage ausgenommen) ein warmes Essen, einen Teller Gemüse, dazu ein paar Kartoffeln, ein Stück Brot. Viel, viel zu wenig für einen ausgehungerten Arbeitslosenmagen! Darum ist der junge Elektrotechniker nicht der einzige, der seine Marken schon um den Zwanzigsten herum verbraucht hat und nun nicht einmal Speisemarken für die letzte Jännerwoche besitzt. 
Wieder denken wir an die Kriegszeit mit ihren Lebensmittelbezugscheinen, die nie ausreichten, den Hunger zu stillen. Nur daß heute, im vierten Jahr der Weltwirtschaftskrise, ausschließlich die Arbeitslosen auf diese Hungerrationen gesetzt sind. Nur daß diese Rayonierung durchgeführt werden muß, obwohl es Rekordernten an Weizen gibt. Nur daß diese auf Speisemarken und eine lächerlich kleine Arbeitslosenunterstützung gesetzen Arbeitslosen täglich an hunderten Geschäften vorbeigehen, in denen für Geld alles zu haben wäre, was sie nur mehr dem Namen nach kennen. Buchstabe "R" das sind: Alte Männer mit weißem [!] Patriarchenbärten, sie warten auf die einmalige Aushilfe, sind junge Burschen mit Sportkappe und Sporthosen, die für Mutter und Geschwister "sorgen" - soweit die Arbeitslosenunterstützung dazu reicht. Buchstabe "R" trägt den Rockkragen hochgeschlagen, im Hof liegt Schnee und das Schuhwerk der Arbeitslosen ist erschreckend schlecht. Die Schalterbeamten rufen neue Namen auf, jeder, der an die Reihe kommt, kramt einen Pack Dokumente aus und legt ihn hin. "Ich bin seit zwei Jahren ausgesteuert und habe noch nie etwas bekommen!" - "Ich habe vier Kinder zu Hause..." - "Meine Kinder haben die Masern, ich muß eine Kohlenanweisung bekommen! Aber der Fürsorgerat sagt, daß er keine mehr besitzt." So geht es den ganzen Vormittag weiter. Wer bei der ersten Instanz abgewiesen ist, geht zum Leiter des Fürsorgeamtes, und der rote Bleistift des Genossen Popovic ändert manche Anweisung in ein "Bewilligt" um. Was bei der Straßensammlung der Winterhilfe aufgebracht wurde, war an einem einzigen Vormittag weg: Äpfel, Mehl, Zucker... Nach zwei, drei Stunden standen die Fürsorgeräte mit leeren Händen da. "Gibt es heuer keinen Kaffee?" fragt ein altes Mutterl. Im Vorjahr hat die Winterhilfe eine größere Spende Kaffee erhalten, die in Achtelkilogrammpaketen verteilt wurde, heuer ist die Spende ausgeblieben. Aber in Brasilien heizt man die Lokomotiven mit Bohnenkaffee! Die Uhr rückt vor, die Polonäse vor den Schaltern rückt vor, nach zwölf uhr werden die Menschen im Korridor spärlicher. Im Kassenraum kommen wir noch zu den letzten Auszahlungen.
Zeitschrift Kuckuck 1933
Nun beginnt die Büroarbeit. Alle ausgegebenen Pakete und Marken, Aushilfen und Anweisungen müssen verbucht und in die Kartothek eigetragen werden. Neunhundert Personen, es war eigentlich ein "leichterer" Vormittag.
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An diesem Tag wurden ausgezahlt:
                                         Schilling
Notstandsunterstützung ......4659 
Aushilfe..............................432
Aus der Sammelspende ........85
Pflegebeiträge .....................380

Ausgegeben wurden: 364 Lebensmittelpakete, 35 Anweisungen auf Lebensmittelpakete und 46 Speisemarken.

So nimmt man von dem Besuch im Fürsorgeamt vor allem eines mit, die Überzeugung, daß alles, was geschieht, noch immer viel zu wenig ist und nicht einmal die ärgste Not zu beseitigen vermag. Auf der unendlichen rastlosen Wanderschaft, die die Arbeitslosigkeit bedeutet, sind alle Fürsorgeinstitute viel zu seltene Herbergen, kaum imstande, den physischen Verfall breiter Schichten zu verhindern. Das soll uns anspornen, noch mehr Fürsorge zu schaffen, vor allem aber um eine Weltordnung zu erkämpfen, die nicht trotz Überproduktion Menschen hungern läßt.
---g---r.  
Photos Willi Zvacek
Arbeitsgemeinschaft der
Wr. "Kuckuck" - Reporter

Originale der Fotos im Besitz von Willi Noelle (Alle Rechte - www.twonoelles.com)
Die 1933 in diesen Artikel wiedergegebene Meinung der Redaktion des sozialistischen KUCKUCK entspricht nicht der Meinung von Willi Noelle.  


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